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Full text of "Lucian in der Renaissance"

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I aician in der Renaissance. 



Re 

zur Feier des Geburtstages 

Wilhelm, 

I ■ : 






SSV 



%iC 



-Hoehansetinliefie Festvercammhing I 

Einen unauslöschlichen Eindruck hat derjenige empfangen, 
welcher in den letzten zwanzig Jahren das Glück batte den 
zweiundzwanzigsten März in der Hauptstadt unsers Reiches zu 
verlehen, den Schmuck derselben zu schauen, die Weihekliinge 
der patriotischen Weisen zu hören, Augen- und Ohren-Zeuge des 
unermesslichen Jubelsturmes zu sein, welcher sich erhebt, wenn 
Seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser und König, Sich am 
Fenster Seines Palais der schon lange am Denkmal des Grossen 
Friedrich harrenden Menge zeigt, zu sehen, wie dieser Jubel- 
sturm unaufhaltsam sich fortbewegt, wie gleichsam auf Flügeln 
des Windes neue Tausende herbeieilen, um ihren Kaiser zu 
grüssen, einen Blick aus den Zügen zu erhaschen, auf denen 
der Wiederschein eines Glückes ruht, wie es nur ein gottbegna- 
detes Alter und das Gefühl allgeliebt und allverchrt zu sein 
hervorbringt Wer dies einmal erlebt hat, wird es kaum für 
möglich gehalten haben, dass sich der Jubel noch steigere. Den- 
noch ist dies der Fall, und nicht blos in der Hauptstadt, son- 
dern auch in der kleinsten Hütte, an den fernsten Enden des 
Reiches, ja weit über seine Grunzen hinaus. Und dass dem so 
ist, gibt wieder jeder empfänglichen Seele das Hochgefühl reiner 
Glückseligkeit darüber, dass die Deutschen in ihrem Kaiser Wil- 
helm den Vater des Vaterlandes verehren und dass die gesittete 
Welt dankbar erkennt, was Kaiser Wilhelm von Deutschland 
auch für sie ist. — Er hat gehalten, was Er bei Seiner Thron- 
besteigung vor fünfundzwanzig Jahren gelobt hat: „Als deut- 
schem Fürsten hegt mir oh Preussen in derjenigen Stellung zu 




kräftigen, welche es vermöge seiner ruhmvollen Geschichte, sein« 
entwickelten Heeresorganisation unter den deutschen Staaten zum 
Heile Aller einnehmen muss." Er hat gehalten, was Er hei der 
Uebernahme der Kaiserwürde zu Versailles vor fünfzehn Jahren 
versprochen hat, „allzeit Mehrer des deutschen Reiches zu sein, 
nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und 
Galien des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Frei- 
heit und Gesittung." Obwohl Er bereits an der Schwelle des 
Greisenalters den Thron bestieg, hat Er doch Sein Volk von 
Sieg zu Sieg geführt: Er ist der Siegreiche. Er hat mit 
Hülfe Seines Kanzlers das Sehnen der Besten von Jahrhunderten 
nach einem einigen und grossen Reiche zu glänzender Erfüllung 
gebracht, hat die deutsche Macht weit über die Meere hinaus- 
getragen, dem deutschen Namen überall Achtung, dem deutscheu 
Handel überall Schutz bereitet. Er ist der Deutsche. Er 
ist ein Hort des Friedens und des Rechtes für ganz Europa ge- 
worden. Er hat der monarchischen Idee von neuem die Herzen 
der Mensehen gewonnen. Er ist endlich Allen ein Vorbild mensch- 
licher Tugenden: der Gottesfurcht und Demut, der Tapferkeit, 
der Weisheit, der Gerechtigkeit, der Pflichttreue, der Milde, der 
Sorge für die Schwachen und Notleidenden. 

Und so stimmt auch unsre Christiana-Albcrtina, welche sich 
berufen fühlt an ihrem Teile ihre Kraft den von ihrem Kaiser 
und König gewollten und gepflegten Bestrebungen zu weihen, 
von ganzem Herzen in den Jubel ein und freut sich innig 
des Glückes diesen Tag in ihrer Weise feiern zu dürfen. 

Gegen seine und Aller Empfindungen aber würde der Redner 
streiten, wenn er nicht dieser frohen Feststimmung der Hörer 
entgegenkäme. Und wenn derselbe naturgemass auch bei solchem 
Anlasse sich innerhalb der Gränzen seiner Wissenschaft hält, so 
hat er doch mehr als je dessen eingedenk zu sein, dass es die 
humanistische Bedeutung der klassischen Altertumswissen- 
schaft ist, welche ihm die Auszeichnung an solchem Tage vur 
solcher Versammlung zu reden verschafft. Gern lenkt derselbe 



daher Ihre Teilname auf die Zeit, in welcher die Antike der 
Gegenstand sehnsüchtiger Liebe, jugendlicher Begeisterung, leben- 
digster Empfänglichkeit gewesen ist, auf die Zeit des ersten 
Frühlings der klassischen Altertums Wissenschaft, auf die Zeit des 
ersten humanistischen Kaisers, Maximilians I, welcher wie wenige 
im Herzen und Geiste seines Volkes lebte, welcher wie Kaiser 
Wilhelm, ein Liebling Aller war; auf die Zeit, von welcher einer 
ihrer edelsten Söhne, der selbst für die Idee eines starken und 
mächtigen Reiches schwärmte, schrieb und stritt, "Ulrich von Hütten 
gesagt hat: „Es ist eine Lust zu leben; es blühen die Studien, 
es regen sich die Geister. Du, Barbarei, nimm Dir den Strick, 
mache Dich auf Verbannung gefasst." 

Zwar waren auch im Mittelalter in einem nach Zeit und 
Ort verschiedenen Masse lateinische Schriftsteller, wie Virgil, 
Lucan, Cicero gelesen worden, jedoch nur zur Belehrung und 
Nachahmung, und immer hatte auf diesen Studien ein gewisser 
Druck gelastet, weil sie der Seelen Seligkeit Gefahr brächten. 
Dagegen wandte sich die neue Zeit gleichsam mit lechzender 
Seele zuerst den lateinischen, mit Beginn des fünfzehnten Jahr- 
hunderts auch den griechischen Schriftstellern zu und fand in 
ihnen wirkliche Befriedigung des Gemüts und Antrieb zu selb- 
ständigem Schäften. Dabei ist es von Interesse zu sehen, wie 
die grösste Anziehungskraft nicht von den Schriftstellern aus- 
gegangen ist welchen unser Jahrhundert wegen ihrer Erhaben- 
heit und Grussartigkeit die Palme zuerkannt hat, sondern wie 
überhaupt weniger von Dichtern so vorzugsweis von solchen 
Prosaikern , welche mehr anmuten als erheben , dafür aber um 
so leichter in Sinn und Gemüt eingehen, d.i. von den späteren 
griechischen Historikern und Philosophen wie Aman , Epiktot, 
Kebes, Plutarch, vor allem aber von Lucian. 

Was Lucian der Renaissance gewesen ist, so dar- 
zustellen, dass sich zugleich ergibt, was selbst ein Schrift- 
steller wie er, einer Zeit, welche sich zu ihm hingezogen 
fühlt und sich ihm mit offenem Sinn ergibt, werden und sein 



6 



kann, das sei die Aufgabe, für welche ich Ihre Aufmerksamkeit 
auf einige Augenblicke erbitten möchte. 

Untergehend sogar ists immer dieselbige Sonne. 

Selbst ein Schriftsteller wie Lucian ! Lucian von Samosata 
gehört dem zweiten Jahrhundert nach Chr. , also einer Zeit an, 
welche nicht mehr fähig war Ideale aus sich hervorzubringen, 
welche in ihren hervorragendsten Geistern sich an die Vorzeit 
anklammerte, immer mehr einerseits in Aberglauben, andrerseits 
in Unglauben und Religionslosigkeit versunken war und auch in 
der Philosophie nur eine morsche Stütze fand. Weder in der Kunst 
der Beredsamkeit noch im Glauben noch in der Philosophie 
hatte Lucian Befriedigung gefunden. Von einem System zum 
andern verschlagen endete er damit alles fiir nichtig zu erklären 
und einem Scepticismus zu verfallen, welcher über alles, was 
den Schein des Festen hat, lacht und spottet. Ein solcher Scepti- 
cismus birgt unter andern die grosse Gefahr in sich, dass er 
unbillig und vorurteilsvoll macht. Ihr ist auch Lucian nicht 
entgangen. Wenn er schon die Philosophen, besonders die Ky- 
niker, welche an einer philosophischen Weltanschauung festhiel- 
ten, in zu schlechtem Lichte erscheinen lässt, so ist er dem 
Christentum erst gar nicht gerecht geworden. Nicht dass er, 
wie manche seiner Zeitgenossen, dasselbe als Staats- oder sitten- 
gefährlich, seine Anhänger als Verbrecher angeklagt hätte, viel- 
mehr ist es ihm, weil er sich nicht die Mühe genommen hat 
dasselbe gründlich kennen zu lernen, begegnet, dass er es nur 
für eine philosophische Sekte, seine Anhänger für unpraktische 
Schwärmer, seine Liebeswerke für Ungereimtheiten erklärte. Seine 
Angriffe gegen den Anthropomorphismus der alten Götter, gegen 
die Opfer, Weissagungen und Orakel haben gewis mindestens 
ebensoviel als die Traktate der christlichen Apologeten dazu bei- 
getragen die Unzulänglichkeit der alten Religion darzutun, aber 
zur Würdigung des Evangeliums der Liebe und der Brüderlich- 
keit hat er sich nicht erhoben. — Trotz alledem wird ein gerechter 



Beurteiler nicht umhinkönnen in Lucian eine edel 
Natur anzuerkennen, den Freund der Wahrheit und des Frei- 
muts, der Einfachheit und der Massigkeit, den Feind aller Sehein- 
heiligkeit und Heuchelei, aller Hoffart und Eitelkeit, des Abpr- 
glaubens und der Leichtgläubigkeit, hohler Rhetorik, eingebildeter 
Schulweishi'il. panegyrischer oder dichtender Geschichtsschreibung. 

Machten ihn sehen diese Eigenschaften zu einem erlesenen 
Mitstreiter in dem grossen Geisteskampfe, welchen die neue Zeit 
zu führen hatte, so fühlte sich diese, da sie auch mehr als 
irgend eine andere dem. Kultus der schönen Form huldigte, erst 
recht wegen der Form und des Tones seiner Schriften zu ihm 
hingezogen. Zu der steten Heiterkeit des Geistes gesellt sich 
hei Lucian, welcher, obwol ein Syrer von Gehurt sich an den besten 
Mustern der klassischen Zeit gebildet hat, eine wahrhaft plasti- 
sche Klarheit der Rede, eine vollendete Grazie der Darstellung, 
die unnachahmliche Kunst aus aristophanischer Schalkhaftigkeit 
und sokratischer Ironie etwas Neues, den satirischen Dialog, zu 
bilden und musterhaft zu handhaben: Eigenschaften, welche ihn 
im Morgenlande selbst für Kirchenväter, wie Gregor von Nazianz 
und Ioannes Chrysostomos , zu einer anziehenden Lektüre und 
spater trotz aller Proteste gegen seine Stellung zum Christentum 
zum Gegenstand eifriger Nachbildung machten. 

Kaum waren daher seine Schriften, von welchen das Abend- 
land bisher wol nur durch eine tadelnde Bemerkung des Laktanz 
überhaupt Kunde erhalten hatte, durch die ersten von Finder- 
sehnsneht nach Konstantinopel getriebenen F.ntdeckungsreisenden, 
einen Aurispa und Füelfo, nach Italien gebracht worden, als 
auch diese selbst und ihre Genossen, ein Guarino, Rinucci, 
Poggio, Lapo, sich beeilten dieselben in der Weise der damaligen 
Zeit durch lateinische Übersetzungen zur Kenntnis ihrer Lands- 
leute und der nach Florenz an die Wiege des Humanismus geeilten 
Ausländer zu bringen. Sehr bald versuchten sich auch die letzteren, 
besonders die Deutschen, in solchen Ueborsetzungen : ein Rudolf 
Agricola, einErasmus, ein Tho. Morus, ein Pirckhtn mar; 



8 

und als die deutsche Sprache zur Wiedergabe solcher Gespräche 
einigermassen herangereift war, wurden jene lateinischen Ueber- 
setzungen, wie bereits ins Italienische, so ins Deutsche übertragen 
und dadurch noch weiteren Kreisen zugänglich gemacht So 
die des ,Esels' von Poggio schon vor 1478 zu „vertrybung 
schwerer gedencken und fantasyen" durch den Stadtschreiber 
von Esslingen und Kanzler des Grafen Eberhart zu Wirtemberg, 
Niclas v. Wyle; die der , Verläumdung' von Rudolf A.gri- 
cola 1515 durch seinen Schüler und Freund, den Ritter und 
Doktor Dietrich von Pleningen. Die erste Schrift, welche 
Melanchthon, nach Wittenberg, der ersten Pflanzschule des 
Humanismus, berufen herausgab, war Lucians Dialog gegen die 
Verläumdung, gewidmet Friedrich dem Weisen, als dem Fürsten, 
welcher die Verläumdung wie die Pestilenz hasse, und bestimmt 
den Hörern in die Hände gegeben zu werden, um sie in dem 
guten Geiste zu erziehen Verläumdungen abzuweisen. Auch 
auf andern deutschen Hochschulen, selbst auf solchen, welche 
sich gegen den neuen Humanismus mehr ablehnend verhielten, 
wie Köln, desgleichen auf gelehrten Schulen, wie Eisleben und 
Basel, wurden Dialoge des Lucian gelesen. Mit einem Worte: 
Lucian wurde Lieblingsschriftsteller. 

Wie sehr aber die Männer jener Zeit einesteils die alten 
Schriftsteller zu geistigem Eigentum in sich aufnahmen, andrer- 
seits sich als die geborenen Fortsetzer derselben fühlten, welche 
es jenen nicht nur gleichtun könnten, sondern auch müssten, 
zeigte sich alsbald in der freien Stellung, welche sie zu dem In- 
halt der Dialoge einnahmen : wo ihnen ein Gedanke, eine Wen- 
dung nicht gefallt, nehmen sie leichten Herzens Aenderungen, 
wie sie sagen, Verbesserungen vor. So ging es demselben 
Aurispa, welcher zuerst den Lucian nach Italien gebracht hatte, 
bei aller Liebe für die Griechen doch gegen das patriotische 
Herz, dass der Unterweltsrichter Minos bei Lucian in dem Streite 
zwischen Alexander, Scipio und Hannibal, wer der grösste Feld- 
herr sei, nicht dem Römer Scipio, sondern dem Griechen Alex- 



ander den ersten Preis zuerkannt bat ; er ändert dementsprechend 
den Sehluss des Dialoges um, indem er sich dabei hinter die 
Person des Ehetors Libanios zurückzieht, und der Elsässer Ring- 
mann Philesius behält in seiner deutschen TJebersetzung 
des Gespräches nicht nur diese Wendung hei, sondern lässt wie- 
der seiner Begeisterung für die Taten Cäsars, in welchem er 
zugleich den ersten Kaiser verehrt, die Zügel schiessen, indem 
er einen neuen Sehluss hinzufügt : wie würde Minos gerichtet 
haben, wenn Cäsar seine Ansprüche geltend gemacht hätte! 
Der junge Thomas Morus, welcher sieb, gleich Lueian, Zeit 
seines Lehens, ja bis zum Tode auf dem Schaffet die Heiterkeit des 
Geistes bewahrt hat und, wie er seihst bemerkt, sich in der Aus- 
walil der hicianeischen Dialoge lediglich von gemütlichen Rück- 
sichten bestimmen iiess, fühlte sich zwar von dem psycholo- 
gischen Problem, welches eine der unter Luciaus Namen gehenden 
Reden, ,der Tyrannuiimorder', entwickelt, lebhaft angezogen, über 
die Lösung desselben aber kam er zu entgegengesetzter Ansieht 
und schrieb daher im Einvernehmen und im Wettstreit mit 
seinem Freunde Erasmus eine Gegenrede gegen dieselbe. Beide 
sind vortrefflich in ihrer Art. 

Bald wurde die Stellung aber noch freier, indem zunächst 
lucianeischer Inhalt in andere Form gegossen wurde. 

Das Problem des Menschenfeindes, welches von der attischen 
Komödie in Timon von Athen geschaffen und auf die Bühne 
gebracht worden war, hatte nicht verfehlen können seine An- 
ziehung auf Lueian zu üben. Er hat dasselbe in seinem gleich- 
namigen Dialog behandelt, wenn auch vorzugsweis in der Ab- 
sicht das Gegenlald des Menschenfeindes, die undankbaren Schma- 
rotzer, zu geissein. Und sein Dialog hat den Ausgangspunkt 
für die gesammle geistige Beschäftigung der Neuzeit mit dem 
Problem gebildet. Der erste, welcher dasselbe aufgriff, war der 
Dichter am Hofe der Este, Bojardo. Bietet Lueian gleichsam 
nur wirksame Seenen, so bat Bojardo diese zu einem vollstän- 
digen Drama und zwar zu einem Lustspie] in Terzinen ergänzt. 



10 



Der Satiriker Lucian konnte keinen eflektvolleren Schluss finden, 
als dass Timon die Schmarotzer, welche auf die Nachricht, dass 
er wieder in Besitz eines Schatzes gelangt sei, sofort von neuem 
sich an ihn herandrängen, mit heftigen Worten, ja blutigen 
Köpfen heimschickt. Das Lustspiel verlangte die Hinzufiigung 
eines letzten Aktes : Timon lässt all das Geld, welches ihm be- 
reits wieder die Ruhe des Geistes genommen hat, im Stich, so 
dass es zum Teil in die Hände des rechtmässigen Besitzers, eines 
Jünglings, welcher gleich ihm durch Freigebigkeit und Verschwen- 
dung alles verloren hatte, zum Teil in die der beiden Diener 
desselben kommt. Es ist dies freilich keine Lösung des Pro- 
blems des Menschenhasses. Eine solche ist aber überhaupt 
noch nicht, auch dem grossen Britten nicht gelungen, welcher 
zuerst das Tragische in Timons Charakter erkannt und aus 
Lucian und Plutarch ein Trauerspiel geschaffen hat, wenn anders 
,Timon von Athen* eine echte Frucht des Shakespeareschen Geistes 
und nicht vielmehr nur die Ueberarbeitung eines älteren Stückes 
oder ein durch fremdartige Zusätze entstelltes Stück ist. 

Wenn ferner Wilibald Pirckheimer, der ebenso fein- 
sinnige wie würdevolle Ratsherr von Nürnberg, der Typus des Hu- 
manisten unter den deutschen Patriziern, durch Podagra ans 
Zimmer gefesselt war und nun eine Lob- oder Verteidigungsrede 
auf das Podagra schrieb, in welcher dasselbe alles Gute, was es 
wirkt, auseinandersetzt, so tat er das nach dem Vorbilde und 
stellenweise in Anlehnung an die , Podagratragödie l des Lucian. 

Und als der treffliche Rektor der Schule in Frankfurt am 
Main, Jacob Moltz er, sich Verläumdungen ausgesetzt zu sehen 
glaubte, befreite er seine Seele von dem dadurch auf sie ge- 
wälzten Drucke, indem er die von Lucian erzählte Geschichte 
von der Verläumdung des Malers Apelles zu einem lateinischen 
Lustspiele: , Apelles in Aegypten oder die Calumnia* 
umgestaltete. 

Calumnia, Neidharts schöne und kluge Tochter, wird auf 
Betrieb des mittelmässigen aber hämischen Malers Antiphilus 



II 



vi.ii ihrem V;if.i>r itnwstiftot den trefflichen Maler Apelles beim 
Könige als Verräter zu verläumden. Äpelies wird sofort ins 
Gefängnis geworfen. Auf sein Flohen sendet Juppiter die Göttin 
Wahrheit zu seiner Befreiung herab. Sie überzeugt den König 
von der Unschuld des Apelies, welcher aufs reichste beschenkt 
li'eigebissen wird und den Antiphilus zum Sclaven erhält 

Und damit diese Komödie recht vielen zum Nutzen werde 
und namentlich damit die Vorläumder der evangelischen Lehre 
widerlegt werden, hat der Pfarrer zu Güsten, Jacob Corner, 
dieselbe in deutsche Reime gebracht und dem Bürgermeister und 
Rat von Aschersleben gewidmet. 

In ähnlicher Weise haben luciaueische Gespräche Hans 
Sachs den Stoff zu Gesprächen, Tragoedien undComödien gegeben. 

Aber auch die luciaueische Form wurde nachgeahmt. War 
der lehrhafte Dialog nach Ciceros Muster bereits lange Zeit be- 
liebt, so versuchte man sich nun auch im satirischen Dialog. 

So verwandte schon Pontano, der Humanist am Hofe 
des Königs von Neapel, denselben mit Meisterschaft zur Erörte- 
rung nicht Mos philologischer und aesthetischer Themata, son- 
dern auch, z. B. im Charon, zur Verspottung der Sittcnlosigkeit, 
Unwissenheit und Streitsucht der Kleriker. Aohnlich Pandolfo 
Collenuccio in Ferrara. 

Unter den Deutschen aber hat es in dieser Beziehung 
der Geist des Lucian keinem mehr angetan als Ulrich von 
Hütten, der an ihm und Aristophanes in Bologna Griechisch 
gelernt hatte. Der satirische Dialog ist seine wirksamste Waffe 
geworden. So gab er sofort dem schon vor seiner italienischen 
Reise tief empfundenen Grolle über eine seiner Familie seitens 
eines fürstlichen Gegners zugefügte Beleidigung in lueianeischer 
Weise (mit besondrer Anlehnung an den ,Kataplus') Ausdruck. 
Herzog Ulrich von Wirtemberg hatte seinen Vetter Hans von Hüt- 
ten meuchlings und schimpflich erschlagen, ihm ein ehrliches Be- 
gräbnis verweigert, überdies seine Untertanen grausam behandelt. 



12 



Hütten lässt in seinem ,Phalarismus' den Herzog in die Unter- 
welt zum Tyrannen Phalaris herabsteigen, da ihm dieser bereits im 
Traume erschienen war und einige Anweisungen zu tyrannischer 
Regierung gegeben hatte. Auf den Bericht seiner Taten erklärt 
Phalaris sich von ihm übertroffen, da er nur wirkliche oder ver- 
meintliche Feinde, nicht Freunde und Woltäter umgebracht 
habe. Mit Griissen an alle Tyrannen und mit guten Ratschlägen 
für die Zukunft entlässt er ihn. 

Und wenn Hütten sich in seinem Dienste beim Kurfürsten 
und Erzbischof Albrecht von Mainz über Dünkel, Verstellung 
und Hohlheit der Hofleute zu beklagen hatte und ihn nament- 
lich in der Schwüle des Reichstages zu Augsburg das Gefühl 
des Unbehagens über seine Stellung überkam, so gedachte er 
auch hier seines Lucian und schrieb sich mit dem Dialog Aula 
,der Hof 1 nach dem Muster von Lucians Schrift ,über das traurige 
Loos der Gelehrten, welche in vornehmen Häusern dienen' den 
Unmut von der Seele. 

Und als der gewaltige Kampf gegen Rom begann, da 
wurde nach den von Italienern, wie Fontano und Andreiini, ge- 
führten Vorpostengefechten der eigentliche Angriff zuerst unter 
den Deutschen von Hütten mit lucianeischen Todtengesprächen 
eröffnet. Da er dieselben bald ins Deutsche: übertrug, war ihre 
Wirkung um so mächtiger. Hier brachte die antike Saat echte 
Frucht aus deutschem Geiste. Das eine dieser Gespräche, die 
, Anschauenden' hat die Einkleidung der lucianoischen Be- 
schauer' oder jCharon'. Bei Lucian nimmt Charon ein- 
mal beim Unterweltsgotte Urlaub, um auf die Oberwelt zu geben, 
um zu erfahren, wie es komme, dass alle Menschen weinend in 
der Unterwelt anlangen. Merkur zeigt ihm von den Spitzen 
der höchsten Berge die Erde and ihre Bewohner ; er sieht ihr 
Treiben, hört ihre Unterhaltungen und enttäuscht kehrt er in 
sein Reich zurück. Bei Hütten hat der Sonnengott die Rolle 
des Merkur und sein Sohn Fhaethon die des Charon. Als sie 
mit ihrem Wagen die Höhe des Himmels überschritten haben, 



13 



lassen sie die Pferde eine Weile Schritt gehen und werfen einen 
Blick auf die Erde. Ein grosses Getümmel erhebt sich über 
Augsburg, wo eben der päpstliche Legat Cajetanus, mit Säcken 
voll Ablass, einzieht, angeblich um Deutschland zum Kriege 
gegen den Türken zu bewegen, iu Wahrheit aber um das deiuV 
sche Schäfchen zu scheeren. „Wie lange wird er dieses Spiel 
treiben?", fragt Phaethon. „Bis die Deutsehen weise werden." 
„Und ist es nahe daran, dass sie weise werden'?" „Nahe. 
Dieser wird zuerst mit leeren Händen zum Schrecken der hei- 
ligen Stadt zurückkehren ; denn sie hat nicht geglaubt, dass 
die Barbaren dies wagen würden." „ Sind die Deutschen noch 
Barbaren?" „Nach der Meinung Roms. Aber in Wahrheit 
sind sie die gesittetsten — nur vorm Trinken, Zwietracht und 
langen Beratungen müssen sie sich in Acht nehmen." Da be- 
merkt Phaethun, dass ihnen von unten drohende Blicke und 
zornige Worte zugeworfen werden — vom Cardinal. Der Sonnen- 
gott müsse glänzender und wärmer auf ihn in Deutsehland her- 
abscheinen. Sol entschuldigt sein schwaches Licht als eine Ge- 
fälligkeit gegen den Cardinal, welcher vieles, z. B. die Agitationen 
gegen die Wahl Carls V., im Dunkeln zu treiben habe. Als 
aber Cajetanus glühendheisse Strahlen verlangt , damit recht 
viele Reiche sterben, bricht Phaethon in heiligem Zorne in Ver- 
wünschungen gegen ihn aus. 

Auch der Dialog Arminius, welcher in den letzten Jahren 
seines kurzen Lebens vermutlich auf der Ebemburg, wo wir ihm 
nun endlich ein Denkmal errichten werden , entstanden und so 
zu sagen sein Schwan enge sang an die deutsche Nation geworden 
ist, knüpft an Lucian an. Hatte Aurispa den luciaueischen Wett- 
streit zwischen Alexander, Scipio und Hannibal dabin abgeän- 
dert, dass Scipio den ersten Preis von Minos erhielt, so erseheint 
bei Hütten Arminius vor Minos, sich beklagend, dass er ganz 
übergangen worden sei. Der Römer Tacitus stellt ihm das 
glänzendste Zeugnis aus, und Arminius zeigt, dass er jene drei 
sämmtlich übertreffe. „Ich ertrug es nicht, dass Varus die Deut- 



14 



sehen für dumme Bestien erklärte und harten Tribut von ihnen 
forderte. Nicht um Ruhm, Reichtum oder Herrschaft habe ich 
gekämpft, sondern das Ziel meines ganzen Strebens war dem 
Vatcrlande die ihm gewaltsam entrissene Freiheit zurückzugeben." 
Darauf erklärt Minos, dass er dem Arminius, wenn er mit jenen 
drei in Wettstreit getreten wäre, die Palme erteilt hätte : so aber 
lässt er ihn als den ersten der Vaterlandabefreier, den Freiesten, 
Unüberwindlichsten und Deutschesten ausrufen : „Wir werden, 
o Deutscher, Deiner Tugenden nie vergessen." 

Auch an der Satire Pirckheimers ,Der enteckte Eck' 
bat Lucian einigen Anteil. Dr. Eck oder, wie er besser heisst, 
Dr. Keck von Ingolstadt, hat sich durch sein furchtbares Schreien 
bei der Disputation mit Luther in Leipzig, noch mehr aber durch 
unmässigen Genuss von Bier und Wein schwere Krankheit mit 
heftigem Fieber zugezogen. Von demselben kann er nicht anders 
geheilt werden, als dass durch sieben handfeste Burschen alle 
Winkel und Ecken an ihm beseitigt, alle Sophismen, Syllogismen 
und Propositionen von seinem Kopfe heruntergeschoren , seine 
Zunge zur Hälfte abgeschnitten, seine Beiss-Zähne ausgezogen, 
alle Begierden herausgeschnitten werden. Aehnliche, wenn auch 
bei weitem nicht so unsanfte, Behandlung lässt Lucian seinen 
Philosophen uud Rhetoren in der Unterwelt widerfahren. 

Aber das Studium des Lucian sollte noch ganz andere 
Früchte hervorbringen. 

Als Erasmus, welcher selbst von Freund und Feind ein 
zweiter Lucian genannt wurde, im Jahre 1508 auf der Heimreise 
aus Italien war, erdachte er, um sich die Langeweile des be- 
schwerlichen Rittes zu vertreiben, sein ,Lob der Narrheit.' 
Sowol die Idee ist von Lucian, als auch klingen viele einzelne 
Wendungen und Gedanken an diesen an. Indem er die Narr- 
heit als Göttin einführt, ihre Lebensgeschichte erzählen und ihre 
Allmacht über Götter und Menschen auseinandersetzen lässt, er- 
hält er, ganz wie Luctau, Gelegenheit die Lauge seines Spottes 
über die Verkehrtheit aller Stände auszugiessen. Bekanntlich 



15 



war der Erfolg des Büchleins so grossartig, dass es bei Lebzeiten 
des Verfassers siebenundzwanzig Auflagen erlangte. 

Eine Art Gegenstück dazu bietet die ,Utopia' seines Freundes 
Thomas Morus, in dessen Hauso die Niederschrift des .Lobes 
der Narrheit' erfolgt, dem sie gewidmet und von dem sie gegen 
theologische Angrifle verteidigt worden war, Auch die ,Utopia' kann 
eine gewisse Beziehung zu Lueian nicht verläugnen, wie ja die Uto- 
pier von Lucians Witzen und Splissen ganz bezaubert sind. Wie 
Lueian in seiner .wahren Geschichte' zur Verspottung unglaubwür- 
diger Geschichtsschreibung eine Reise mit den fabelhaftesten Erleb- 
nissen erdichtet, so beschreibt Morus in jener gegen die Schäden 
seiner Zeit, besonders Englands, gerichteten Satirc das Leben 
auf einem glückseligen Eiland, wo es keinen Streit, Hochmut, 
Betrug, Eache, Habsucht, Aberglaube, Müßiggang gibt 

Und des Erasmus ,familiäre Gespräche', welche alle Seiten 
des menschlichen Lebens, besonders aber mönchischen Aber- 
glauben, Unwissenheit und Unsittlichkeit halb scherzhaft, halb 
ernst behandeln, atmen sie nicht, ähnlich wie manche der ,Briefe 
der Dunkelmänner 1 ludaneischen Geist, deu Geist heiterer Satire? 

Endlieh treten wir in die Zelle eines Franziskanerklosters in 
der Vendee ; da sitzt ein Bruder nicht über die Postille, sondern froh 
den geistlichen Uebungen auf Augenblicke entronnen zu sein, 
über seinen Lueian gebeugt ; so oft ihm die Mönche denselben 
nebst seinen andern guten Freunden, den Griechen, entrissen 
haben , immer kehrt er zu seinem Liebling zurück ; dieser be- 
gleitet ihn ins Benediktinerkloster, ins Cabinet des Bisehofs, 
auf die Universität Montpellier, wo er Student und Doktor der 
Mediän wird und über Hippokrates und Galen schreibt und liest, 
in seine letzte Clause, die Pfarrei zu Meudon. An ihm hat sich 
genährt der grösste Satiriker Frankreichs, der Verfasser von 
Gargantua und Pantagruel, Francis Rabelais. Schon den 
Stoff für einzelne Scenen dieses Werkes hat Lueian gesteuert. 
Als Beispiel für viele diene nur Eine. Wie Lueian lässt auch 
Rabelais die Stolzen dieser Welt in der Unterwelt zu niedriger 



16 



Arbeit und Bettelei verurteilt werden; nur den Philosophen 
weist er eine etwas andere Rolle zu, Bei Lucian ärgert der 
Kvniker Diogenes durch seinen lauten garstigen Gesang den 
Sardanapal und Midas dermassen, dass sie auszuziehen besehlies- 
sen, Bei Rabelais stolzirt Diogenes in weitem prächtigen Purpur- 
mantel mit einem Seepter in der Rechten wie ein Prälat zum 
grossen Aerger Alesanders des Grossen einher, der ihn am Hell- 
sten mit einem Stock bearbeiten möchte. Der Stoiker Epiktet 
aber zecht und tanzt in lustiger Gesellschaft in einer schönen 
Laube galant ä la Franeoise geputzt und sagt zu Cyrus, der 
ihn um einen Heller bittet, um sich Zwiebeln zum Abendbrot 
zu kaufen: „Nix, nix da, ich spiels nicht mit Hellern; da ist 
ein Thaler, Schelm, sei ehrlich. " Aber auch in der Tendenz 
vorzugsweis dir Seheinheiligkeit, Unwissenheit uud Sinnlichkeit 
durchzuhecheln trifft Rabelais mit Lucian zusammen, nur dass 
der Ton seiner Satire viel derber als der der lucianeischen ist. 



Es erübrigt noch von einer eigenartigen, aber besonders 
bedeutungsvollen Einwirkung des Lucian zu reden. Derselbe ver- 
bindet mit einem wahrhaft klassischen Kunstsinne, welcher allem 
Mittelmassigen abhold nur in den Werken erhabener Grösse oder 
anmutiger Schönheit Befriedigung findet, die Gabe einer äusserst 
plastischen Darstellung. Diese Eigenschaften machen die lucianei- 
schen Schilderungen von Kunstwerken zu unübertroffnen Mustern 
der Gattung. Wenn es dafür noch eines Beweises bedürfte, so 
hegt er in folgendem. Die zahlreichen Besehreibungen von 
Kunstwerken bei Plinius haben meines Wissens nie, die bei 
Pausanias fast nie, die der Philostrate trotz aller Bemü- 
hungen der , Weimarischen Kunstfreunde' nur ausnahinsweis 
Künstler zu Nachbüdungen augeregt. Lucian dagegen ist der er- 
klärte Liebling und Berater der grüssten Künstler geworden. 
Niemals aber mehr als zu der Zeit, welcher auch das Glück einer 
begeisterten Hingabe seitens der Künstler an das Altertum be- 
schieden war. Die Kunst war bisher durchaus sakral gewesen, 



IT 



Höchstens waren Möbel, wie Traben und Bettstellen, mit Stoffen 
aus der römischen Geschichte oder aus der Heldensage gcs<-li>m'k-kt 
worden. Mit der veränderten Stellung, welche der neue Zeit- 
geist mit einem Male zur griechischen Litteratur einnahm, er- 
weiterte sich auch sofort wie das Ansehen, so das Reich der 
bildenden Kunst, indem Gegenstände aus der griechischen Mytho- 
logie und Geschichte zunächst für Tafel-, bald auch für Wand- 
gemälde gewählt wurden, Und Lucian war nuch nicht lange 
nach Italien gebracht, als der Mann, welcher alles wusste, alles 
trieb, nichts Menschliches von sich fern hielt, insbesondere aber 
die Rolle eines Vermittlers zwischen der neuentdcckton griechi- 
schen Litteratur und der aufblühenden italienischen Kunst erfolg- 
reich durchführte, als der Florentiner Leu Battista Alberti 
auf ihn, wie überhaupt auf die Alten, als Fundgrube für die 
Künstler hinwies. Durchdrungen von der Bedeutung der künstle- 
rischen Erfindung empfiehlt er, auch darin Göthe vergleichbar, 
duss er seihst ausübender Künstler war, in seinem Traktat von 
der Maler ei den Künstlern vor allem liebevolle Versenkung in die 
alten Schriftsteller. Als Beleg dafür, wie viel in ihnen für Künstler 
stecke, fuhrt er die Beschreibung der Verleumdung au, jenes Ge- 
mäldes des Apelles, wie sie Lucian, mit dessen Schriften BT sehr 
bald vertraut geworden war, in dem Dialog von der Verleumdung 
gibt. Rechts sitzt ein Mann mit langen fast midasgleichen 
Ohren ; um ihn stehen zwei Frauen : die .Unwissenheit' und die 
.Argwöhnung'. Er streckt seine Hand aus nach der .Verleum- 
dung', eisern wunderbar schönen, aber hitzigen und erregten 
Weibe, die in der Linken eine brennende Fackel hält, mit der 
Rechten einen Jüngling an den Haaren schleift, welche] 1 die 
Hände zum Himmel erhebt und die Götter zu Zeugen seiner 
Unschuld anruft. Vor ihr geht ein blasser garstiger scheel- 
äugiger abgezehrter Mann : der ,Neid', hinter ihr zwei weibliche 
Figuren, sie teils antreibend, teils schmückend', die .Nachstel- 
lung 1 und die .Hinterlist'. Ganz zuletzt kommt noch eine trau- 
ernde Frau in schwarzem zerrissenen Gewände, mit Scham rück- 



18 



wiirU blickend auf die herantretende /Wahrheit': das ist die 
Rene'. „Wenn schon", so ruft Älberti aus, „diese Beschreibung 
die Seele fesselt, welchen Reiz muss erst das Gemälde selbst ge- 
habt haben ! " Und wahrlich, sein Mahnwort ist nicht auf un- 
fruchtbaren Boden gefallen. Um die Wette machten sieh die 
Künstler daran die todte Beschreibung des Budes durch ihre 
Kunst zum Leben zu führen. So ist eine italienische Uebcr- 
setzung des Dialogs, welche Bartolomeo Fonzio für den Herzog 
Ercole von Ferrara machte, von einer Miniatur des Gemäldes in 
einer Hamilton' sehen, jetzt in Berlin befindlichen Handschrift be- 
gleitet; für ein Tafelbild wählte dasselbe Sandro Botticelli; 
nicht ohne Kenntnis dieser Composition entwarf Raffael seine 
Zeichnung zu einem Gemälde; diese Zeichnung benutzte Ben- 
venuto Garofalo für ein Gemälde, welches sich im Schloss Al- 
fonsos zu Ferrara befand, heut leider aber noch immer verschollen 
ist. Selbständig und sehr glücklich war Mantegna in seiner 
Zeichnung, welche wieder von Rembrandt kopirt wurde. In dem 
Cyclus von Fresken, mit welchem Petrucei, der Magnifico von 
Siena, seinen neuen Palast ausschmücken liess, befand sich unser 
Gemälde an erster Stelle. Der Künstler war Luca Signorelli; 
zwei griechische Inschriften darunter besagten : „Die Unwissenheit 
ist die Ursache des Schlimmen", und: „Richte nicht, bevor Du 
beider Rede gehört hast." Und als der Rat von Nürnberg 
1521 den Saal des renovirten Rathauses mit Wandgemälden ver- 
sehen liess und die Entwürfe zu denselben Albrecht Dürer 
übertrug, wählte dieser, von seinem Wilibald Pirckheimer beraten, 
um die Bestimmung des Saales als Gericbts-Stätte anzudeuten, 
wieder unser Gemälde als Symbol der Rechtspflege. So entr 
stand neben dem , Pfeiferstuhl' uud dem .Triumphwagen Kaiser 
Maximilians' die ,Verläumdung' mit der Unterschrift: 

Ein Richter soll kein Urtbel geben, 

Er soll die Sach erforschen eben, 
und auch hier tat der deutsche Künstler als deutscher Denker 
ein Stück eigner geistiger Arbeit hinzu, indem er zwischen die 



19 



Gefolgschaft der , Verleumdung' , welche den Unschuldigen vor 
den Richter schleift, und die rückwärts schauende ,Reue', eine 
Gruppe von drei Figuren: die ,Strafe* mit Sollwert im Geleit 
eines Tölpels, des ,Irrtums L und einer leichtgeschürzten weiblichen 
Figur ,der Eile' einschob. Und ähnliche Aenderungen hüben auch 
spätere Künstler, unter denen ich nur Federigo Zucearo und Haas 
Bock in Basel nennen will, mit der Komposition vorgenommen. 

BotticelH aber hat für sein Bild noch ein zweites Motiv 
aus Locian entlehnt. Eines der mythologischen Bildchen, mit 
welchen er die Estrade dos Ricliterstuhles geschmückt hat, stellt 
eine Kentaurenseeno zwar nicht ganz so, wie Lucian ein 
Bild des Zcuxis beschreibt, aber doch sehr ähnlich dar: der 
alte Kentaur kommt von der Jagd heim und hält seinem Weibe, 
das am Boden liegt und zwei Junge neben sich schlafen hat, 
einen jungen Löwen als Jagdbeute hin. 

Eine besondere Anziehung übte ferner die Beschreibung 
eines Gemäldes des Aetton, die Hochzeit Alexanders und 
der Roxane. Alesander reicht der schönen sittsam zu Boden 
blickenden Roxane Hand und Kranz, gefolgt von seinem Freunde 
Hephästion und dem Hochzeitsgotte Hvmenäus, im Beisein von 
Amoren, welche sich teils um Roxane, teils um die Waffen Alex- 
anders zu schaffen machen. Raffael versuchte eine Rekonstruk- 
tion auch dieses Gemäldes. Seine noch erhaltene Rotstiftzeich- 
nung hält sich, man kann sagen, mit archäologischer Treue an 
den Wortlaut der lucianeischen Beschreibung. Nach dieser Zeich- 
nung hat einer seiner Schüler das heut im Palazzo Borghese 
belindliche Fresco für eine römische Villa gemalt. 

Mit grösster Freiheit dagegen ist der warmblütige Soddo- 
ma der li.n-ianei sehen riesHnviUiing <:eircii übergetreten .\ls näm- 
lich der ,Grosskaufmann der Christenheit', der ebenso kunstsinnige 
wie für das klassische Altertum begeisterte, allzeit tätige, aber 
auch allzeit lustige Agostino Chigi sich in Rom ein Haus baute, 
in welchem Venus und die Grazien wohnen sollten, und die 
Wände desselben mit reichem FivsL'tisi'htmick versehen Hess, da 



20 

durfte auch Lucian nicht fehlen. Unter den drei Gemälden aus 
der Alexandergeschichte, welche die Wände des Schlaf-Ziriimers 
bedecken, ist das unsrige das bedeutendste. Indem Soddoma 
Figuren änderte und ganze Gruppen hinzufugte, allen Gestalten 
aber reichstes Leben einhauchte, das Ganze mit einem unsag- 
baren Zauber umkleidete, hat er eines der schönsten Ge- 
mälde der Renaissance hervorgebracht. — Nachmals hat der Gegen- 
stand auch andere Künstler der Renaissance, wie den Parmigia- 
nino und Primaticcio, zuletzt noch Rubens, zu bildlicher Darstel- 
lung begeistert. 

Wenn ferner Lucian in einer launigen Plauderei das Bild 
des gallischenHerkules beschreibt als das eines kahlköpfigen 
Alten, von dessen Munde zierliche goldne und elfenbeinerne 
Ketten ausgehen, und welcher mit diesen eine grosse Menge Men- 
schen an den Ohren gefesselt hält und lächelnd unwidersteh- 
lich nach sich zieht, so ist dieses Phantasiebild hinreissender Be- 
redsamkeit sowol von Raffael, als von Dürer als von Am- 
brosius Holbein in Zeichnungen umgesetzt worden. 

Und wenn Lucian seine Schilderung des Elends der Ge- 
lehrten, welche im Dienste Reicher stehen, nicht besser 
schliessen zu können meinte als mit einem Bilde, für welches er 
nur keinen Maler habe finden können, so ist auch hier Am bro- 
sius Holbein in die Stelle eines solchen eingetreten. In der 
Vorhalle eines Palastes sitzt die Göttin des ,Reichtums' ; ein statt- 
licher Jüngling, welcher zu ihr kommen will, wird von der »Hoff- 
nung* geleitet, alsbald aber von der ,Täuschung* und der Knecht- 
schaft' in Empfang genommen, dem Dämon der ,Arbeit' über- 
liefert und von diesem nach langer Zeit dem , Alter*; zuletzt 
fasst ihn der ,Hohn' an und schleppt ihn zur ,Verzweiflung* ; die 
»Hoffnung* entflieht. Entblösst und abgezehrt wird er durch 
eine Hintertür hinausgestossen, um von der ihm entgegentretenden 
,Reue' zu Tode gequält zu werden. 

Ein noch stärkerer Beweis aber für die Klarheit und den 
Reiz lucianeischer Darstellung hegt darin, dass auch blosse 



Beschreibungen den künstlerischen Roh äffen strich angeregt 
haben. So hat die Schilderung der auf dem Kücken des Zeus- 
Stieres über die Meoresil liehe gleitenden von Wind- und Liebes- 
Göttern, Nereiden und Tritonen geleiteten Europa schon dem 
jugendlichen Dürer den Stift in die Hand gedrückt. Seine 
Zeichnung ist uns im Skizzenbuch zu Wien aufbehalten. 

Ja einmal hat selbst der Künstler, welcher nie gelacht 
haben soll, Michel Angelo dem Lucian seinen Tribut zahlen 
müssen, und zwar, wie es scheint, bereits in höherem Alter, als 
er der Antike schon ganz entfremdet schien, dafür aber zwischen 
leidenschaftlichen Gefühlen und der Sorge für seiner Seele Heil 
hin- und hergezogen wurde. 

Lucian erzählt in seinem Nigrinos, wie er eines kranken 
Auges wegen nach Rom gereist und dort durch einen Vortrag 
des Philosophen Nigrinos derartig begeistert worden sei, dass er 
gleichsam als andrer Mensch zurückgekehrt sei. Von ihm habe 
er gelernt, worin das Geheimnis <1er Wirkung des Wortes auf 
die menschliche Seele liege. Diese ist einem Kampf- Ziele, die 
[InlniT fiiigciiscliützmi gleich. Die einen verfehlen des rechten 
Zieles, weil sie den Bogen zu straff spannen, so dass ihre Pfeile 
zurückprallen ; die andern , weil sie den Bögen nicht genug 
spannen, so dass sie das Ziel überhaupt nicht erreichen oder 
nur streifen. Der rechte Bogenschütz ennisst zuerst genau die 
Beschaffenheit des Zieles, darauf bestreicht er seinen Pfeil mit 
einer leicht beissenden und doch zugleich süssen Salbe, dann 
erst schiesst er den Pfeil ab. Ein solcher schlägt nicht nur ein, 
sondern bleibt auch haften imd teilt jene Salbe dem ganzen 
Ziele mit. — Nun gibt es in der Sammlung der Königin von 
England zu Windsor Castle eine wundervolle Rötel Zeichnung 
Michel Angelo's, nach welcher ein Schüler Raffael's naehimils 
auch ein Fresko ausgeführt hat. Hier Bchiesst eine Menge Bogen- 
schützen in dichtem Knäuel mit grüsster Anstrengung nach einer 
durch einen Schild bewehrten Herme, während hinter ihnen ein 
Knabe ein Feuer anbläst, in welchem der einer Schale ent- 



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nommeiie Ruft Pfeilspitzen eingehrannt wird, und ein zweiter 
Knabe ein neues Bündel Heiz hinzutriigt. Michel Angelo hat 
den Gedanken Lurian's leise umgebogen. Denn vorn am Boden 
rechts hat er noch einen Amor in süssem Schlummer gelagert. 
Weichet Gegensatz zwischen ihm und der Hast und dem Unge- 
stüm, mit welchem jene Bogenschützen nach der Seele scbiessen! 
Amor kann ruhig schlafen; er weiss, dass seine Pfeile zu ihrer 
Zeit sicher treffen werden. 

Wenn aber die Kenntnis der Schriften des Lucian durch 
Uebersetzungen verallgemeinert wurde, so erlangte dieselbe die 
rechte Lebendigkeit und Anschaulichkeit dadurch, dass diese und 
andre auf ihn zurückgehenden Kunstwerke ebenfalls durch Ueber- 
setzungen d. i. durch Kupferstiche und Holzschnitte ver- 
breitet wurden. Nicht selten wurden die Ausgaben der Ueber- 
setzungen von Stichen begleitet. Am meisten war Frohen in 
Basel in dieser Uiclitung tätig Als Erasmus durch seine Schrift, 
.Methode zur wahren Theologie zu gelangen', vor allem aber 
durch seine Beschäftigung mit dem Urtext der Heiligen Schrift, 
insbesondre die erste griechische Ausgabe des Neuen Testaments 
mit lateinischer Uebersetzung und Anmerkungen grossen Anstoss 
erregt hatte, als seine wissenschaftliche Tätigkeit als kirchen- 
imd glaubensfeindlicb verläumdet wurde, da liess Frohen der 
nächsten AuHage des Neuen Testamentes nicht nur das Breve 
des Papstes Leo's X, welches Erasmus' Arbeit belobigte, sondern 
über und unter demselben auch zwei von Ambrosius Holbein 
gefertigte Holzschnitte Vordrucken ; der eine derselben stellt die 
Schlacht dar, in welcher Arminius den Varus schlug, der andre 
die Verläumdung des Apelles. Wie tiefe Wurzeln musste die 
Antike geschlagen, welch vertrauliche Stellung musste Lucian 
sich im Herzen der gebildeten Welt erworben hüben! 

An Lucians Tische aber hatte endlich in Basel mit Erasmus 
und Frohen auch Hans Holbein gesessen, als er die köstlichen 
Zeichnungen am Rande seines Exemplars von Erasmus ,Lol der 
Narrheit' eintrug, als er die TJtopia des Monis illustrirte, als er 






23 



an die Komposition seines Todtentanzcs ging. Denn, um nur 
bei dem letzteren stehen zu bleiben, wenn auch Holbein in der 
Idee sich an das Mittelalter anlehnte, so verrät doch der Humor, 
ja die Ironie, mit welcher er die Gleichheit Aller angesichts des 
Todes und nach dem Tode behandelt, indem er alle als Gerippe 
vorfuhrt, den gelehrigen Leser der lucianeisehen Todtengespräche, 
welche denselben Gesichtspunkt wiederholt hervorkehren. 



Aber der Frühling des Humanismus war nur ein kurzer. 
Zuerst schwand er in Italien unter den rauhen Kriegsstürmen 
dahin. Die Erstürmung der Stadt Rom im Jahre 1527 bedeutet 
auch den Niedergang des italienischen Humanismus. Ein neuer 
Geist bemächtigte sich des päpstlichen Stuhles und der Huma- 
nisten ; sie beschränkten sich auf die Pflege der antiken Form. 
Schon Muret nennt den Lucian einen verschmitzten und unredlichen 
Schriftsteller ; auf dem ersten Verzeichnis der verbotenem Bücher 
welches die Inquisition zu Venedig löö-l aufsetzte, tiguriren auch 
zwei lucianeisehe Dialoge (Peregrinus und Philopatris), und 
die Jesuiten schlössen ihn ganz von ihren Schulen aus. In 
Deutsehland aber wandte sich sehr bald alles Interesse den 
religiösen Fragen und Kämpfen zu. 

So nahm die gelehrte Beschäftigung und mit ihr die Teil- 
name für Lucian auch in Deutschland ab. Immer weniger wurde 
er gelesen, immer seltener herausgegeben. Zuletzt eiferte auch der 
evangelische Bischof und Praeses der Brüdergemeinden Arnos 
Comenius gegen ihn. So sank er ausserhalb einiger Gelehrten- 
stuben in Nichtachtung. 

Aus ihr hob ihn erst wieder die Zeit, welche mit sehnsüch- 
tigem Verlangen zum klassischen Altertum zurückkehrte, die Zeit 
der lebendigen Versenkung in den Geist desselben und der Ver- 
schmelzung desselben mit dem deutschen Geiste, die Zeit des 
zweiten Frühlings der klassischen Philologie, die Blütezeit unserer 
nationalen Litteratur und Kunst, 




3 9015 03841 0869 

24 

Was Lucian dieser Zeit gewesen ist, welche Wirkung er ins- 
besondere auf Wieland, seinen Uebersetzer, den Verfasser der 
Gespräche im Elysium, der Göttergespräche, des Peregrinus 
Proteus u. a. gehabt hat; wie die Erzählung des lucianeischen 
,Lügenfreundes 4 vom Zauberer Pankrates und dessen Schüler 
Eukrates Göthen aufs mächtigste angezogen und so lange be- 
schäftigt hat, bis er den Eindruck derselben in der herrlichen 
Ballade verklärt hat: 

Ach, da kommt der Meister! 
Herr, die Noth ist gross! 
Die ich rief, die Geister, 
Word 1 ich nun nicht los. 

„In die Ecke, 
Besen, Besen! 
Seids gewesen. 
Denn als Geister 

Kuft euch nur, zu seinem Zwecke, 
Erst hervor der alte Meister." 

wie ferner der Müllerssohn aus St. Jürgen bei Schleswig Asmus 
Jacob Carstens, dem die alten Autoren die liebste Lektüre 
waren, dem lucianeischen Dialog Eataplus, den er in Wielands 
TJebersetzung las, zwei seiner schönsten Kompositionen, die 
Einschiffung und die Ueberfahrt des Megapenthes, eine 
dritte dem Gastmahl oder den Lapithen entnahm — dies 
und anderes auseinanderzusetzen würde die der Kode gesteckten 
Gränzen bei weitem überschreiten. 

Seit jener Zeit fliesst der Strom aus dem klassischen Alter- 
tum wieder schwächer. möge er nie versiegen ! Möge er sein 
und bleiben ein Jungbrunnen, aus dem sich die Menschheit 
jugendliche Kraft, Heiterkeit, Schwung und Begeisterung trinkt! 
Mögen namentlich die Deutschen nicht aufhören das Land der 
Griechen mit der Seele zu suchen! Möge der Hohenzollernaar 
dahinschweben schauend auf ein einiges, tapfres, frommes, glück- 



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liches, aber auch auf ein gesittetes Volk! Das ist ein Wunsch, 
wir wissen es aus Seinem eigenen Munde, nach dem Herzen, 
wenn je eines Monarchen, so unsers Kaisers! Möge der allgütige 
Lenker unserer Geschicke Ihn die Erfüllung dieses, wie aller 
Seiner Wünsche, noch recht lange erleben lassen! 

Gott segne, Gott schütze Seine Majestät unsern 
allergnädigsten Kaiser und König! 

Er lebe hoch! 



■Sn^WVv 



Druck von Schmidt & Klaunig.